Der Übergang von der Schul- zur Hochschulmathematik bereitet Studierenden häufig massive Probleme. Nicht nur das Tempo wird erheblich angezogen - am Ende des ersten Semesters ist man über die Schulmathematik bereits weit hinaus - sondern vor allem der Formalisierungsgrad und der Stil Definition - Beispiel - Satz - Beweis lässt daran zweifeln, dass es hier auch nur entfernt um dasselbe gehen könnte wie im Schulunterricht. 

Erstmalig findet daher am EvT in der Jahrgangsstufe Q1 ein zweistündiger Projektkurs statt, der genau diese Schwierigkeiten für Schülerinnen und Schüler, die ein MINT-Fach studieren wollen, abfedern soll.

Der Kurs begann mit einem Vortrag über die historische Entwicklung der Auffassungen von Mathematik. Ausgangspunkt war dabei die Erkenntnis, dass der Schulunterricht aus lernpsychologischen Gründen dazu führt, dass Schülerinnen und Schüler Mathematik als naturwissenschaftliche Theorie auffassen, die Objekte in der realen Welt beschreiben soll. Wissenssicherung erfolgt dabei nicht durch logische Ableitungen, sondern durch hinreichend viele Beispiele. Ausgehend von Euklids Elementen wurde über die projektive und hyperbolische Geometrie der Weg hin zur formalistischen Auffassung von Mathematik nach David Hilbert skizziert. Durch diesen letzten Schritt wurde gewissermaßen der Gegenstandsbereich aus der Mathematik entfernt - die Grundbegriffe einer mathematischen Theorie sind hiernach Variablen, und die grundlegenden Annahmen ("Axiome") stellen Beziehungen zwischen diesen Variablen her. Trotzdem kann man den mathematischen Begriffen wieder reale Objekte zuordnen und erhält dann durch logische Ableitungen wahre Aussagen, sofern die grundlegenden Annahmen auch wahr sind. Dies begründet die Nützlichkeit der Mathematik für die Naturwissenschaften und erklärt gleichzeitig den Ursprung der oben genannten Übergangsschwierigkeiten.

Nach diesem wissenschaftsphilosophischen Einstieg begann dann die bodenständige Arbeit an den Grundlagen der Aussagenlogik: Was ist eine Aussage und wie verknüpft man Aussagen? Mit welchen Regeln kann man Aussagen umformen, und wie beweist man diese Regeln? Im ersten Halbjahr werden sich Themen wie Mengen, Abbildungen und vollständige Induktion anschließen. Das zweite Halbjahr wird noch stärker projektartig in Form der selbstständigen Arbeit in Kleingruppen an umschriebenen Themen sowie dem Stellen und Korrigieren von Übungsaufgaben für die Mitschülerinnen und Mitschüler durchgeführt werden.

Ziel ist es, unseren Schülerinnen und Schülern einerseits eine realistische Einschätzung über die mathematischen Anforderungen eines MINT-Studiums zu geben und damit zu einer informierten Entscheidung beizutragen, und andererseits den Einstieg in ein MINT-Studium möglich reibungslos zu ermöglichen. 

Dr. Daniel Wieczorek (Fachschaft Mathematik)